Wo wieder von Stocamine gesprochen wird…

pret-au-destockageMit einer Abmahnung (référé) vom 16/06/14 setzt der französische Rechnungshof (Cour des Comptes) setzt die Regierung unter Druck um diese zur politischen Entscheidung in der Angelegenheit „Stocamine“  zu bringen.

Um unsere Kenntnisse aufzufrischen:

  • Stocamine ist in Witttelsheim untergebrachten Standort, wo 44.000 Tonnen Industrieabfälle entsorgt wurden, darunter 7.000 Tonnen quecksilberhaltige Abfälle, die heute das Grundwasser gefährden. Die Anlage ist nach einem Brand in 2002 geschlossen.
  • diese Abmahnung ist ein Bericht des Rechnungshofes an den Premierminister, nach scherwiegenden Fehlverhalten des Staats

Seit dem o.g. Brand wird über das Schicksal dieser Abfälle debattiert, ohne dass der Staat zu einer Entscheidung gekommen ist. Genau diese zögerliche Haltung wir von Rechnungshof angekreidet… Die Alternativen sind aber klar:

Möglichkeiten Kosten Vor- und Nachteile
Endlagerung der Abfälle mit Containment (die Bergbauschächte werden aufgefüllt) 110 Millionen € würde das Grundwasser über ein Jahrtausende schützen
Endlagerung der Abfälle mit Containment und Beförderung an die Oberfläche der hälfte der quersilberhaltigen Abfälle 116 Millionen € könnte die Bevölkerung beruhigen
Beförderung an die Oberfläche von 90% der gefährlichsten Abfälle 136 Millionen € Risiko für de Arbeiter und Zweifel über die Machbarkeit
Beförderung an die Oberfläche von allen Abfälle, bis auf diejenigen, die sich im abgebrannten Schacht befinden (Block 15) 160 Millionen € gleiche Problematik

Und doch ist der Staat nicht fähig eine Entscheidung zu treffen. Laut Rechnungshof, entsteht daraus einen dreifachen Schaden:

(a) ein finanzieller Verlust, der sich jetzt schon auf 45 millionen € beläuft. Solange die Mine nicht geschlossen ist, muss sie gewartet werden, was jährlich 5,5 Millionen € kostet. Nun schiebt der Staat seine Entscheidung seit 8 Jahren vor sich hin…

(b) je länger gewartet wird, desto komplexer und gefährlicher wird die Schließung der Mine. Die Schächte zerfallen und die Abfallbehälter beschädigen sich mit der Zeit.

(c) und zuletzt kann die Tatenlosigkeit des Staates nur zur Radikalisierung der Leute vor Ort führen, wo ein Kompromiss gefunden werden sollte

Die Hoffnung stirbt zuletzt!

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Wo es auch um Kali geht…

Bekanntlich ist der Oberrhein sehr empfindlich auf die Frage der Grundwasserverunreinigung durch Chloride. Somit verfolgt man auch mit Interesse was anderswo in dieser Hinsicht geschieht…

Die Kommission leitet ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland ein wegen der Verletzung der Europäische Wasserrahmenrichtlinie 2000/60/EG hinsichtlich der  Salzabwässer in der Werra. Die Bundesrepublik hat nun zwei Monate Zeit, um auf das Schreiben zu antworten.

Für die Geographiemuffel: die Werra ist ein rund 300 km langer Fluss auf dessen Verlauf die Länder Thüringen, Hessen und Niedersachesen sind und der sich mit der Fulda zur Weser vereinigt . Letztere mündet bei Bremerhaven in die Nordsee.

Verantwortlich für diese Salzabwässer in der Werra ist die K+S AG, ein Bergbau- (Kaliförderung)  und Industrieunternehmen (Ammoniumsulfat, Dünger, Magnesium…) mit Sitz in Kassel. K+S verwertet das Kalirevier Merkers – Hattdorf (1.000 km2, davon sind 146 km2 verwertet).

Es spielt sich das übliche Theaterstück in drei Akten:

(a) Neben Stickstoff und Phosphat ist Kali ein grundlegender Nährstoff, der deswegen für die Fertigung von Düngemittel unabdingbar bleibt.

Kalium ist synthetisch nicht herstellbar und kann nur durch Bergbau gewonnen werden.

(b) Jedoch geben die natürlichen Kalivorkommen nur  25 bis 30 % Kaliumchlorid gegen 60 bis 65% Kochsalz (NaCl).

(c) Die so geförderten riesigen Mengen Kochsalz (hier 11 Mio. m3 flüssige Rückstände und 13 Mio. Tonnen feste Abfälle… jährlich!) können nicht wirtschaftlich verwertet werden und müssen versorgt werden. Dafür hat K+S derzeit lediglich 3 Lösungen:

– den Salz auf Halden zu schütten,

– ihn in die Erde zu pumpen,

– oder ihn in die Werra zu entsorgen

Somit stehen sich wie üblich Umweltschutz und Sicherung der Arbeitsplätze gegenüber, sprich die 10.000 Arbeitnehmer von K+S und insbesondere die 4.400 im bekanntlich vergessenen Osthessen. Im Spiel sind die 500 Mio. Euro, die zum Erbau einer Pipe-Line um, die Salzlauge in die Nordsee entsorgen zu können. Diese Summe entspricht in etwa dem jährlichen Ergebnis nach Steuern von K+S (2010: 454 Millionen € / 2011: 674 Millionen).

Jedoch in Anbetracht der Schäden erscheint diese Debatte lächerlich. K+S  ist einem maximalen Grenzwert von 2.500 mg/L unterzogen, ein Wert der im Kriegsjahr 1242 erhoben wurde. Dieser Wert muss nur in Perspektive mit dem Trinkwassergrenzwert  der europäischen Richtlinie gestellt werden: dort werden lediglich 250 mg/L zugelassen.

300 km flussabwärts werden in der Weser bei Bremen 300 mg/L gemessen. Die Weser ist somit ungeeignet für Trinkwasser.

Deutschland gewinnt damit einen unerwünschten Europarekord.

Es ist wahrscheinlich, dass die Offensive der Kommission die Diskussionen um den runden Tisch vorwärts treiben wird.

Dies ist umso mehr wichtig, da ein weiteres Risiko lauert: das vergrabene Salz könnte empor getrieben werden, bis zu Grundwasser… ein bei uns wohl bekanntes Thema der Akte „Stocamine“.

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Frankreich vs. Deutschland: ein Lohnkrieg?

Das Statistische Bundesamt (Destatis) hat ein internationaler Lohnkostenvergleich für das Jahr 2011 erstellt.

Demnach kostete eine Arbeitsstunde im deutschen verarbeitenden Gewerbe 34,30 € gegen 35,60 € in Frankreich.  Über die Industrie hinaus, ist der Unterschied noch grösser (30,10 € in Deutschland gegen 34,20 € in Frankreich).

Beide Länder gehören zum Top 5 der teuersten Länder der EU. Sie befinden sich damit weit über den europäischen Durschnitt (23,20 €) und sind meilenweit von den europäischen Billigländer entfernt, die einen Stundensatz von 2,80 € (Bulgarien) bis 6,40 € (Polen) vorweisen.

Was symbolisch die Gemüter erhitzt ist der von Deutschland gegenüber Frankreich neu errungene Konkurrenzvorteil. Das Statistische Bundesamt kommt in seinen Kommentaren sehr nachdrücklich darauf zurück: Deutschland ist 12 % billiger als Frankreich, 4% in der Industrie.

Jedoch wirklich bemerkenswert ist die Tatsache, daß die Lohnnebenkosten für eine Stunde Arbeit in Deutschland nur 9,60 € betragen, in Frankreich aber 17,80 €.

Zieht man diese Lohnebenkosten ab um nur den Bruttoverdienst zu betrachten, fällt Frankreich auf Rang 10 zurück, wo Deutschland auf Rang 4 bleibt. Der Bruttoverdienst liegt nämlich in Frankreich bei 17,80 € pro Stunde. In Deutschland liegt er bei 24,70 €.

Anders gesagt, verwunderlich ist nicht, daß beide Länder „teure“ Standorte sind oder daß es (in der Industrie) einen kaum beachtlichen Kostenunterschied gibt, sondern daß der französische Arbeitnehmer so wenig verdient, gemessen an seinen gesamten Kosten.

Allgemein gesehen haben sich Franzosen und Deutsche für die gleiche gesellschaftliche Weichenstellung entschieden: ein ausgeprägter Sozialschutz und starke öffentliche Dienste.

Der Unterschied liegt aber in der Form der Finanzierung. Deutschland hat sich für die steuerliche Wettbewerbsfähigkeit von Industrie und kapital entschieden, was zu einer – gemessen an Frankreich – anderen Kostenzuweisung geführt hat. Vereinfacht gesehen, liegt dieser Unterschied in drei Hauptzügen:

(a)      Einsatz einer „sozialen Mehrwertsteuer“, also die Besteuerung des Konsums zur Finanzierung der Sozialversicherungen. 2007 wurde die Umsatzsteuer von 16 % auf 19 % erhöht und der Beitrag zur Arbeitslosenversicherung wurde gleichzeitig von 6,5 % auf 4,2 % abgesenkt. Zwei Bemerkungen zu diesem Thema:

–          So gesehen hat die soziale Mehrwertsteuer die gleiche Auswirkung wie eine Geldentwertung aus Wettbewerbsgründen (competitive devaluation), die ja seit dem Euro bekanntlich nicht mehr möglich ist: die deutschen Unternehmen gewinnen an  Wettbewerbsfähigkeit.

–          In den letzten Monaten vor der Präsidentschaftswahl hat N. Sakozy die soziale Mehrwertsteuer als ein letzter Hokuspokus aus dem Ärmel gezogen.  Der Prinzip dieser Steuer kommt jedoch aus dem linken Lager: seine Urheberschaft ist dem Schweizer Wirtschaftswissenschaftler Hans Christoph Binswanger zuzuschreiben und seine praktische Umsetzung ist den Dänen zu verdanken, die Ende der 1980er Jahre mit dem arbejdsmarkedsbidrag (AMBI) die Arbeitgeberbeiträge für die Arbeitslosenversicherung abgeschafften.

(b)    Die deutschen Bürger unterliegen einer höheren  Einkommensteuer:

–          Die Anzahl der Steuerpflichtigen ist höher (in Frankreich sind fast 50% der Steuerzahler von der Einkommensteuer befreit)

–          Die Steuersätze sind höher.

–          Es gibt es den sog. „Familienquotient“ nicht, der das steuerbare Einkommen der Familiengröße anpasst,

–          Dazu stehen weniger Steuerschlupflöcher zur Verfügung (in Frankreich entgehen dem Staat somit rund 33 Milliarden € pro Jahr)

(c) Die Aufteilung zwischen den Abgaben der Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist in Deutschland ausgewogener. Die Abgaben der  Arbeitgeber beträgt in Frankreich 2/3 des Gesamtumfangs gegen 1/2 in Deutschland.

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Trakl und Guillevic: eine Stabübergabe

Da unser Denken immer nach Abkürzungswege sucht, wird Georg Trakl (1887-1914) oft als „Österreichischer Rimbaud“ bezeichnet. Die müden Geister werden wohl in seiner  kometenhaften und skandalumwitterten Existenz Grund genug finden, um ihn mit dem Dichter aus Charleville-Mézière zu vergleichen.

Trakl  hat sich auf Hölderlin, Novalis, Dostojewski oder Rimbaud  berufen. Der Einfluss  von Rimbaud in Trakls Lyrik ist unverkennbar, so zum Beispiel in der Verwandtschaft des „Knaben Elis“ und des „Schläfer im Tal“.

Der Zufall und die Willkür des Lebens wollten, daß zweimal das Elsass in Trakls Leben mitgemischt hat.

Das erste Mal ist es eine im Elsass (Avolsheim) geborene Gouvernante, Marie Boring (1862-1940). Diese  französische „Bonne“ wird oft die Mutterrolle einnehmen, die Maria Catherina Trakl auf Grund seiner Depressionen und Sucht nicht wahrnehmen Konnte. Sie sprach die Kinder fast ausschließlich auf Französisch an. Mit Lesungen öffnete sie den Kinder – bei Georg zumindest mit Erfolg – den Zugang zur Literatur. Somit konnte Trakl einen direkten Zugang zur französischer Lyrik haben, so auch zu Rimbaud.

Das Elsass wird ein zweites Mal in Trakls Schicksal einmischen, diesmal jedoch aus posthumer Perspektive.

Der Zufall der verschiedenen Einsatzorte eines bretonischen Gendarms wollte, daß dessen zwölfjähriger Sohn – Eugène Guillevic – nach Ferrette zog, wo sehr schnell das Alemannische meistern wird.

In seinem Jünglingsalter wird sich mit Jean-Paul De Dadelsen und Nathan Katz, den Guillevic täglich im Zug kreuzen wird, ein Freundeskreis bilden, der wohl als „Altkircher Kreis“ bezeichnet werden könnte. Der 15 Jahre älterer Nathan Katz wird Guillevic an Rilke… und Georg Trakl heranführen.

Für Guillevic wird die Begegnung mit der Lyrik von Trakl grundlegend sein: „Trakl, den ich ab 1928 zu lesen begann – als er sogar in Deutschland noch fast unbekannt war –, war der große Schock … Trakl war der Lieblingsautor meiner späten Jünglingsjahre.  Für mich war er sehr wichtig“.

Guillevic hat Brecht und Trakl ins Französische übersetzt. Jedoch mit dem Werk von Trakl war dies ein waghalsiges Unternehmen: „Brecht zu übersetzen ist eine Frage des Fachwissens. Trakl zu übersetzen? Man weis nicht wo man sich anklammern könnte; man muss ihn leben“.

„Wissen Sie, es ist sehr schwierig Trakl zu übersetzen, ihn unbestraft zu übersetzen. Trakl war – so glaube ich – ein Schizophrener und ihn zu übersetzen ist nicht gefahrenlos, da ein Lyriker nicht übersetzt werden kann ohne ihn voll zu erleben.“

Diese kleine Geschichte von unwahrscheinlichen Begegnungen kann paradigmatisch für eine „elsässische  Identität“ gelesen werden, eine Identität die weder ein vorgeschriebenes Schicksal noch festgefrorene Merkmale hat.

Hat das Elsass kein Schicksal, so ha es dennoch eine Aufgabe: die eine Brückenbauers. Es wird auch jedermann erkenntlich sein, daß diese Aufgabe eine unerlässliche Bedingung hat: die Zweisprachigkeit!

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Ich bohre,
Ich Grabe.
 
Ich bohre
In der Stille
 
Oder eher
In Stille,
 
In der, die ich in mir
Schaffe.
 
Und ich bohre, ich grabe
Nach mehr Stille,
 
Nach der großen
Der völligen Stille in meinem Leben
 
Wo die Welt, ich hoffe es,
mir etwas von sich offenbaren wird.
 
Eugène Guillevic. Du Silence – Von der Stille.
(Günter Narr Verlag Tübingen)
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Widerstand

 

 

 

 

 

 

Dieser post kommt mit etwas Verspätung…

Am 10. November erlosch Alice Daul-Gillig, eine Widerstandskämpferin gegen den III. Reich. Mitglied der von Lucienne Welschinger aufgebauten  Wiederstandgruppe „Pur Sang“, die aus Kadern der katholischen Pfadfinderinnen „Guides de France“ bestand.Hier unterscheidet sich auch diese Gruppe, die ausschließlich von Frauen aufgestellt wurde.

Das Straßburger Wirtshaus  – das von Lucienne Welschinger’s Bruder betrieben wurde – dient als Basislager eines äußerst wirksamen Fluchtnetzwerks. Diese sechs Frauen (1) im Alter von 17 bis 29 Jahren werden von Oktober 1940 bis Januar 1942 in Strasbourg inhaftierte Kriegsgefangene über die Grenze schleusen, später auch andere Verfolgte (2).

Die erste Fluchtroute  wird über die Passstraße am Donon führen. Später wird der für 6 Monate „offener“ schweizerische Grenzübergang bei Héguenheim benutz  und anschließend der die Vogesenkammstraße  (Straßburg –  Schantzwasen – Tanet).

Die Flüchtlinge werden von L. Welschinger als Wanderer verkleidet, mit falschen Auszeisen versehen (die Alice Daul mit Hilfe eines Polizisten besorgt) und  erhalten einen Kompass, der nach dem Grenzübergang  sorgfältig zurückgebracht wird. Im Januar 1942 wird Lucienne Welschinger die Flucht über die eine Schule in Landange (Moselle) organisieren, wo der Grundschuhlehrer Antoine Krommenaker nur die Türe öffnen braucht um über die Grenze zu gelangen.

Im Januar 1942 werden Lucienne Welschinger und Lucie Welker als Kurier für Paul Widmann (3) tätig sein. Sie übergeben dem militärischen Kabinettschef  von Philippe Pétain einen Bericht über die Lage des elsässischen Wiederstands. Auf dem Rückweg wird Lucie  Welker am 18 Februar 1942 verhaftet. Die gesamte Gruppe wird gefasst.

Im Januar 1943 werden die Mitglieder der « Pur Sang »  hart verurteilt. Auf Geheiß von Petain wird die Vollstreckung der Todesstrafen (u.a. gegen L. Welschinger) aufgehoben). Die Betroffenen werden davon nie etwas wissen.

Bemerkenswert ist nicht nur die Jugend der Beteiligten oder die Tatsache, daß es sich um Frauen handelt. Bemerkenswert ist vor allem die Stärke der geistig – moralischen Werte,  die von diesen sechs Frauen getragen wurden.

Diese Werte haben sie in als Pfadfinderinnen der  „Guides de France“ geschöpft, eine Bewegung die immer den Weg der Selbständigkeit eingeschlagen hat, bis auf das Risiko hin mit den „Scout de France“ die Brücken  abzubrechen (1981).

So muss man auch das Engagement von Alice Daul-Gillig verstehen: feministische und christliche Werte die zur Pflicht werden wenn die Stunde der Wahrheit kommt

(1) Lucienne Welschinger, Emmy Weisheimer, Alice Daul, Marie-Louise Daul, Lucie Welker, Marcelle Engelen

(2) Der spätere Bürgermeister von Straßburg, Marcel Rudloff,  wird am 31.01 .1942 von A. et ML. Daul in Sicherheit gebracht.

(3) Leiter einer militärischen Organisation

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Zweisprachigkeit : ohne Vorbehalt genießen!

Der Oberrhein ist für die Zweisprachigkeit eine Wahlheimat.

Oft – besonders in Frankreich – wird die Zweisprachigkeit abwertend betrachtet, sie solle ja das Schulversagen geradezu fördern!

Andere bewerten sie als neutral auf die Schulergebnisse ; es gäbe keine statistische Befunde, daß zweisprachige Kinder besser oder schneller lernen würden.

Dem widersetzen sich nun immer zahlreichere Experten, die in der Zweisprachigkeit ein für die Entwicklung des Kindes positiver Faktor sehen.

(a) Unter anderem wurde ihre Rolle in der Entwicklung der Abstraktionsfähigkeit betont. Innerhalb des Zeichensystems, das die Sprache gründet, wird der monolinguale Sprecher immer eine lineare Beziehung zwischen dem Signifikant (der Zeichenkörper, das Wort) und dem Signifikat (das „Bezeichnete“, die Bedeutung) knüpfen. Der bilinguale Sprecher meistert logischerweise zwei Signifikanten für ein gleicher Signifikat. Weil verstanden hat, daß Signifikanten willkürlich („arbiträr“), sind, wird er schon im Kindesalter die unveränderliche Größe bevorzugen, also die Bedeutung. Befreit von der sprachlichen Hülle, kann er schneller Begriffe bilden und seine kognitive Fähigkeiten entfalten.

(b) Die Neurowissenschaften führen diese Erkenntnis einen Schritt weiter, wobei hier die Arbeit von Ellen Bialystok der York University (Toronto) von besonderem Interesse sind.

Ellen Bialystok interessiert sich gewissermassen mehr für den Signifikant (die „Hülle“) in dem sie festgestellt hat, daß die Zweisprachigkeit die metalinguistische Kompetenzen der Kinder entwickelt, also die Fähigkeit sowohl die Bedeutung wie auch die Struktur der Sprache zu verstehen.

Diese metalinguistische Kompetenzen sind ein Schüsselelement zur Möglichkeit, das logische Denken oder Konzepte mittels der Sprache zu erlernen. Diese Kompetenz kann sehr leicht bei 5 bis 9 jährigen Kindern erkannt werden, wenn diese fähig sind ein grammatisch korrekter Satz zu finden, auch wenn dessen Bedeutung absurd ist (z.B. Äpfel wachsen auf dem Gesicht). Fakt ist, daß bilinguale Kinder diese Sätze einfacher erkennen.

Der Bilinguale entwickelt starke metalinguistische Kompetenzen weil bei ihm stets beide Sprachen in Bewegung sind und er deswegen immer verhindern muss, daß die inaktive Sprache einen Knüppel zwischen den Beinen der aktiven Sprache wirft. Diese Aufgabe – also zu verhindern, daß beide Sprachen sich vermischen – wird durch die sog. „exekutive Funktion“, also eine im Präfrontalen Cortex gelagerte mentale Funktion durchgeführt

Nun ist diese „exekutive Funktion“ damit beauftragt, die anderen kognitiven Prozesse zu kontrollieren und zu unterstützen (Volition) und zu steuern. Sie ist von äusserster Wichtigkeit:

–         wenn unsere üblichen Verhaltensmuster nicht mehr von Nutzen sind (z.B. wenn Entscheidungen gefordert sind oder wir in gefährlichen Konstellationen sind) : Setzen von Zielen, Planung, Entscheidung für Prioritäten…

–         wenn es darum geht Stimuli der Aussenwelt zu überwinden (z.B. auf einen Kuchen zu verzichten, wenn man auf Diät ist) : Impulskontrolle, emotionale Regulation, Aufmerksamkeitssteuerung….

Die „exekutive Funktion“ ist also ein „höherer“ kognitiver Prozess, ausgelegt um bestimmte Ziele zu erreichen und um die „niedrigeren“ kognitiven Prozesse zu kontrollieren und steuern.

Ein bilingualer Sprecher wird also diese „exekutive Funktion“ permanent fit halten (”you incorporate a cognitive system called the executive control system, whose job it is to resolve competition and focus attention. If you’re bilingual, you are using this system all the time, and that enhances and fortifies it. And that’s why bilingual children can say that „Apples grow on noses“ is said the right way: they are accustomed to resolving the conflict between form and meaning”).

Der Beweis für ihre Theorie wird Dr. Bialystok in einer klinischen Studie finden, die auf Alzheimer-Erkrankte geführt wurde, die den gleichen Stand der Verschlechterung der kognitiven Leistungsfähigkeit vorweisen.

–  die Zweisprachigen wurden 4 jahre später als die anderen auf die Erkrankung diagnostiziert

– die Symptome sind im Schnitt 5 Jahre später als bei den monolingualen Sprecher aufgetreten.

Anders gesagt, das Gehirn der bilingualen Sprecher konnte die Konsequenzen der neurodegenerative Erkrankung während diesen Zeitabschnitts besser kontern

An die Arbeit ! Französisch lernen ;-)

Bialystok_final

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Der gefährlische Nachlass der elsässischen Kaligewinnung

I. Die Kaligewinnung im Elsass ist schon Vergangenheit

Die im Elsass auswertbaren Vorkommen wurden 1904 durch Joseph Vogt gefunden. Da er und seine Geschäftspartner (1) nicht über die erforderlichen Mittel verfügten und da französische Investoren für das „Reichsland“ kaum zu finden waren, wurde an deutsches Kapital appelliert. Drei deutsche „Gewerkschaften“ – betrieben durch die Deutsche Kaliwerke, die Hohenzollern-Gruppe und Wintershall – wurden gegründet. Mit Hilfe aus Lothringen konnte J. Vogt letztlich doch sein eigenes Kaliunternehmen gründen, die Kaliminen Sainte Thérèse (KST). Letztere wurde 1914 beschlagnahmt. Die drei deutschen „Gewerkschaften“ erlebten das gleiche Schicksal 1918 um daraus die Staatsgesellschaft „Mines De Potasse d’Alsace“ entstehen zu lassen.

1948 erreichten die MDPA die höchsten Gewinnungsmengen mit 13.880 Angestellten.

Mit der 1954 vollzogenen Schließung des Schachts « Alex » wurde ein langsamer Prozess eingeleitet, in dem die Neubohrungen schrittweise von den Schließungen übertroffen wurden (2).

Mit der Erschöpfung der Vorkommen, werden in den Neunziger Jahren die letzten Gruben geschlossen (3). Die für 2004 geplante endgültige Schließung wurde durch den Stocamine Brand auf 2002 vorgezogen.

Zwischen 1910 und 2002, wurden 567 Milionnen Tonnen Kalirohsalz aus 24 Gruben gefördert (4).

 II. Die Bedrohung durch die Salzlauge.

Das in den elsässischen Kaliwerken abgebaute Kalirohsalz (Sylvinit) setzt sich aus:

–          25% KCl (Kaliumchlorid), daß als Düngemittel verwertet wird,

–          60% NaCl (Natriumchlorid : Kochsalz) und

–         15% unlöslichen Bestandteilen Tonschiefer und Anhydrit – CaSO4)

zusammen

Die Rückstände der Auflösung konnten entweder auf Halden gelagert werden oder als aufgelöster Salz in die Thür (bis 1976) oder den Rhein geführt werden!

In der Tat war der Rhein eine Mülltonne für die MDPA. Mittels einer eigens dafür gebaute Kanalisation (der sog. „saumauduc“), wurden Anfang der Neunzigern noch155 KgSalz / Sekunde in den Rhein unterhalb von Fessenheim geschüttet, was jährlich 3,6 Millionen Tonnen entspricht.

Auf den Halden wurden insgesamt 64,5 Millionen Tonnen Rückstände gelagert, davon 18,6 Millionen Tonnen Salz. Der Salz dieser aufgetürmten Kalihalden geriet mit dem Niederschlagswasser in das Grundwasser. In den Neunziger Jahren wurden ganze Gebiete mit einem Wert von 500 bis  2000 Cl-(mg/l) gemessen … wo die Grenzwerte für Trinkwasser bei 250 Cl-(mg/l) liegen.

Die Sanierung der Grundwasserschäden wurde unternommen : Abdeckung der Halden oder Beseitigung durch Wasserstrahl, Bohrung von 31 Sanierungsbrunnen in der unmittelbaren Nähe der Halden (um zu verhindern, daß das Salz in das Grundwasser gelangt) und 20 Sanierungsbrunnen „flußabwärts“ (um zu verhindern, daß das Salz weiter talabwärts fließt).

Von den 2,2 Millionen Tonnen Salz die noch 1998 das Grundwasser verschmutzen, sind noch ung. 100.000 Tonnen übrig und die vollständige Resorption (insb. die kritischsten 50 qkm) ist für 2015 geplant.

III. Der Stollen als Deponie  : Stocamine

(a) Eine zweifelhafte Umorientierung

Die Förderung von Kali in der Grube Joseph-Else in wurde 1974 eingestellt. Das Projekt wurde Mitte der Achtzigern geschmiedet, die Grube als Untertagdeponie für Sondermüll zu benutzen, mit dem Versprechen 200 (!) ehemalige Bergleute zu beschäftigen. Dieses Unterfangen wurde vom Mangel einer solchen Deponie Frankreich und dem deutschen Beispiel von Herfa-Neurode (ebenfalls ein früheres Kalibergwerk) gefördert.

Die für 1991 geplante Inbetriebnahme wurde durch ein Gesetz vom 13. Juli 1992 – das u.a. ein Umkehrbarkeitsprinzip verankerte – verspätet : ein neues Genehmigungsverfahren musste eingeleitet werden.

Die Firma Stocamine – aus öffentlichen Geldern gegründet (die MDPA und EMC) –  lagerte seinen ersten Müll im Februar 1999…500 Metertief, unter 300 Meter Natriumchlorid.

Welcher Sondermüll ?

Stocamine war Berufen, zwei verschiedene Typen Müll aufzunehmen :

– sämtlicher Müll aus dem Elsass der sog. „Klasse 1“ (gefährlicher Industriemüll). 23.000 Tonnen solcher Abfälle, insb. Müllverbrennungsrückstände und Asbest, wurden in Wittelsheim gelagert.

– sämtlicher „Klasse 0“ Müll aus ganz Frankreich. Davon wurden 19.000 Tonnen sind in den Schächten der Joseph-Else Grube eingelagert : Arsen-, Chrom-, Quecksilber -, Arsen- oder Cyanidversäucher Müll.

Stocamine bleibt jedoch ein Zwerg. 50.000 Tonnen sollten jährlich gelagert werden, bis maximal 320.000 Tonnen. Im Vergleicht wurden in Herfa-Neurode (die weltweit größte Untertagdeponie) schon 2,7 Millionen Tonnen vergraben. Jährlich 200.000 Tonnen!

Was geschah bis 1999 mit dem französischen „Klasse 0“ Müll ? Er wurde nach Deutschland exportiert. Was geschieht nun mit diesem Müll ? Er wird nach Deutschland exportiert !

(b) 10 September 2002 : das Ende des Abenteuers.

Einige Monate nachdem der private Betreiber „Séché Environnement“ ins Kapital einstieg, nimmt Stocamine Empfang einer Lieferung von Rückständen aus dem Brand eines Herstellers von Pflanzenschutzmitteln aus Tours (Solupack), von Séché befördert und „vermarktet“ (Zufall?). Dies wieder den Warnungen (Geruch, leck gewordene Behälter, Hitze). Im Block 15 bricht Feuer aus. Auf Kosten der Gesundheit der ohne Schutzausrüstung arbeitenden Bergleute wurde der Brand nach zweieinhalb Monaten gelöscht.

Hat es Profitdruck gegeben ?

Stocamine wies einen jährlichen Verlust von durchschnittlich 1 Million Euros vor, bedingt durch den obligatorischen Beitrag an einem Garantiefonds, den Konkurrenzkampf und der unzureichenden gelagerten Menge.

In der Tat wurde der größte Teil des Industriemülls („Klasse 1“) aus dem Elsass (der 80% des Umsatzes von Stocamine erwirtschaften hätte sollen) auf Oberflächendeponien abgesetzt, insb. in der von der Firma Sita (Suez) betriebenen Deponie im lothringischen Jeandelaincourt. Für 2002 schätzte die regionalen Industrie-, Forschungs- und Umweltdirektion DRIRE, daß 29.000 Tonnen Industriemüll aus dem Elsass – also 80% der gesamten Menge – an Stocamine vorbei gingen um anderweitig begraben wurden. Der „Klasse 0“ Sondermüll soll in Frankreich „nur“ einem Jahresumfang von 3.000 bis 5.000 Tonnen entsprechen. Somit ist es nicht verwunderlich, daß Stocamine lediglich 30% seine Planzahlen erreichte. Rückblickend ist diese Tatsache eher erfreulich!

Das Séché Environnement ins Spiel kam, hat den Druck auf die Betriebsführung von Stocamine sicher erhöht.

Jedoch bleibt der Untergang von Stocamine das Ergebnis einer gesellschaftlichen Misswirtschaft, insbesondere des Wunschdenkens, daß uns glauben lässt, unser Müll könne Ertragreich sein oder bestenfalls er könne schmerzlos beseitigt werden.

Stocamine bleibt ein Ergebnis von Milchmädchenrechnungen einer infantilen Gesellschaft.

(c) Reden wir von „Umkehrbarkeit“?

Die größte Schwierigkeit einer Untertagdeponie bleibt das natürliche Volllaufen der Schachtanlage durch eine Salzbrühe, die aus Sickerwasser in der Grube entsteht. Mit dem unwiderstehlichen Einstürzen der Bergwergschachte wir diese unter Druck geratene verschmutzte Salzbrühe hinauf zum Grundwasser geleitet, das wiederum selber verschmutzt wird. Zur Information, der hier betroffene Oberrheinaquifer ist der größte Aquifer Mitteleuropas, er geht von Basel bis Frankfurt und er versorgt 7 Millionen Einwohner mit Trinkwasser !

Dem Bericht des Bergwerksingenieur Marc Caffet nach, könnte das Volllaufen der Gruben 100 bis 150 Jahre dauern und die Verschmutzung des Oberrheinaquifers zusätzlich noch 600 Jahre.

Jetzt muss jedoch gehandelt werden, da die Flutung schon angefangen hat und somit die Bergung des Mülls bald unmöglich sein wird.

Zwei Möglichkeiten sind dabei offen:

–         Die Versiegelung unter Tage durch Salzsperren (Kostenpunkt 20 bis 25 Millionen Euros)

–         Bergung und Abtransport des Mülls (Kostenpunkt 60 bis 80 Millionen Euros)

Dies sollte uns daran erinnern, daß das o.g. Gesetz vom 13. Juli 1992 zur „Umkehrbarkeit“verpflichtete, anders gesagt daß die Möglichkeit immer gegeben sein sollte – sofern in Zukunft der Kenntnisstand es ermöglicht – den abgelagerten Sondermüll zu bergen und zu behandeln. Zu diesem Zweck war Stocamine gezwungen, einem Garantiefonds mit 39 Euro pro Tonne beizutragen. Die 1,75 Millionen heute zur Verfügung sein sollten sind ein lächerlicher Betrag gemessen an dem bevorstehenden Aufwand !

Der  „Sordi“ – Erlass vom 10. März 2006 (gennant nach seinem genialen Anreger, Mitglied des Parlaments, Bürgermeister von Cernay), massgeschneidert für Stocamine, ermöglicht die Endlagerung. Schluss mit der „Umkehrbarkeit“. Keine Verpflichtung für Stocamine aka der Staat…

Es ist sogar zu befürchten, dass die Debatte umsonst  ist, da jetzt schon ein Teil des Mülls – unter anderem dasjenige des Blocks 15 – nicht mehr zu bergen ist.

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(1) Amélie Zürcher und Jean-Baptiste Grisez

(2) Die letze kaligrube wurde 1973 eröffnet

(3) 1997 = Ungersheim, 1998 = Marie-Louise, 2001 = Berrwiller und Amélie am 10 Sptember 2002

(4) Kaliberbau gab es auch in Buggingen bei Freiburg-im-Breisgau mit seinem bekannten „Monte Kalino“

Ein Besuch auf Destocamine lohnt sich!

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